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Interview mit Stefan Bäumann

Zur freundlichen Verwendung der Pressekollegen



Handbike WM in Aigle Schweiz ausgerichtet von der UCI (International Cycling Union)


Link:

http://www.2006ipc-cycling.com/Templates/UCI/UCI5/layout.asp?MenuID=MTgyMg

Der Handbiker Stefan Bäumann holt Weltmeistertitel nach Gifhorn


Nachdem er zwei Tage zuvor im Einzelzeitfahren den fünften Platz belegt.

Mit seinen Erfolgen steht dem für den LC Cottbus und dem Team NHC Allstar startenden Athleten die Tür zur Teilnahme an den Paralympics 2008 in Peking weit offen.

Interview mit der Pressestelle des NHC Deutschland


Stefan, jetzt drei Minuten nach Zieleinlauf realisierst Du da schon, dass Du die weltbesten Fahrer geschlagen hast und nun an der Spitze stehst, das Regenbogentrikot bis zur nächsten WM tragen wirst?


Stefan:
Ganz ehrlich, es ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Ich habe immer geglaubt, dass ich das schaffen kann, aber wie jeder weiß sind gerade in Radrennen, und da gibt es keine Unterschiede zum Handbiken, die optimalen Entscheidungen der letzten Meter und das Abrufen der letzten Kraftreserven das entscheidende Quäntchen zum Sieg.

Wie hast Du Dich unmittelbar für das Rennen vorbereitet?




Stefan
: Ich habe mich sehr gezielt seit etwa einem Jahr auf dieses Wochenende vorbereitet.

Ich habe in mein Training einige Neuerungen eingeführt, die in Zusammenarbeit mit der Universitätsklinik Freiburg und meinen Trainern und Beratern ausgearbeitet wurden.

Ich bin in diesem Jahr nur wenige ausgesuchte Rennen gefahren, habe aber gezielt Trainingslager eingebaut um mein Leistungsfähigkeit immer weiter zu steigern.

Mit welchen Erwartungen bist Du hier zur WM angetreten?


Stefan
: Dieses Wochenende stand für mich unter der Prämisse, zunächst ein sehr gutes Zeitfahren zu absolvieren, das fand am Freitag statt und heute taktisch alles richtig zu machen, bei höchstmöglicher Leistungsbereitschaft. Ich hatte dabei immer eine Medaille im Auge, dass es nun aber der Weltmeistertitel geworden ist einfach zu schön um wahr zu sein.

Für mich und meine weitere Karriere war dieses WM Wochenende in Aigle/Schweiz im Hinblick auf die Teilnahme an den Paralympics in Peking immens wichtig, ich habe mich sehr unter Erfolgsdruck gesetzt, damit ich jetzt nach Abliefern meiner Leistungen entspannter in die Vorbereitungen Richtung Peking gehen kann.

Wie liefen die letzten Stunden vor Deinem großen Rennen für Dich ab?


Stefan:
Als unmittelbare Information für meine Leistungsfähigkeit an diesem Wochenende konnte ich das Ergebnis des Einzelzeitfahrens vom Freitag heranziehen, hier hatte ich den fünften Platz belegt, nur neun ärgerliche Sekunden hinter dem Drittplatzierten auf einer Distanz von 16,8 km. Dies obwohl ich ständig von meiner Freundin Klaudia, die mich bei wichtigen Rennen betreut, per Funk auf dem Laufenden gehalten wurde.

Mir war klar, dass ich für einen Erfolg im bevorstehenden Rennen noch weiter an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit zu gehen hatte und anhand der Ergebnisliste vom Einzelzeitfahren wusste ich jetzt, dass Marcel Pipek (CZE) der frischgebackene Weltmeister und die nachplatzierten Max Weber (GER) und Heinz Frei (SUI) meine direkten Gegner waren. Auf der Rechnung hatte ich auch noch Manfred Putz aus Österreich und mit Tobias Knecht einen weiteren Mannschaftskollegen aus Deutschland.

Dementsprechend nervös mit kurzen Schlafphasen gestaltete sich meine Nacht vor dem Rennen. Gegen Morgen begann es heftig zu regnen, für mich war das eine Bestätigung von höchster Stelle, dass dies mein Tag werden könnte. Bestätigung deshalb, weil ich unzählige Kilometer auch in Regen und Wind rund um Gifhorn zurückgelegt hatte, also darauf trainiert war damit umzugehen.

Wie gestaltete sich der Rennverlauf aus Deiner Sicht?


Das Rennen startete 10:30 Uhr bei strömendem Regen.

Zu absolvieren waren 4 Runden à 11,6 km / gesamt 46,4 km. Es gab jeweils einen steilen Anstieg an einer Eisenbahnbrücke sowie eine langgezogene seichte Rampe von 600 Metern zu bewältigen.

Stefan:


Wir, ein Pulk von Athleten aus 12 Ländern, starteten pünktlich in einem neutralisierten Start angeführt von einem Führungsfahrzeug der schweizer Organisatoren.

Direkt nach Freigabe des Rennens befand ich mich taktisch am Hinterrad des Österreichers Manfred Putz, der Sekunden nach Freigabe des Rennens am Vorderrad touchiert wurde und stürzte. Ich konnte gerade noch ausweichen und eine Kollision mit ihm verhindern. Im Führungsfahrzeug wurde sofort reagiert, das Rennen nochmals neutralisiert bis Manfred, dessen Sturz einigermaßen glimpflich abgelaufen war, wieder aufgeschlossen hatte.

Zumindest waren jetzt alle wachgerüttelt und weitere Stürze blieben aus.

Der Rennverlauf in der ersten Runde war geprägt von gegenseitigem Abtasten ohne allzu hartes Tempo. Das änderte sich dann in der zweiten Runde, immer wieder wurden von verschiedenen Fahrern Attacken gefahren. Sie versuchten sich mit hohem Tempo vom Feld abzusetzen, doch ohne Erfolg. Auch meine Mannschaftskollegen Tobias Knecht (GER), Max Weber (GER) und ich hatten das Tempo am etwa 600 Meter langen seichten Anstieg einmal erhöht, in der Hoffnung die Gruppe zumindest zu verkleinern. Aber auch das klappte nicht.

Mittlerweile schüttete es wie aus Eimern. In den schnellen Passagen bei etwa 50 km/h bekam ich derart viel Wasser vom Rad des Voranfahrenden ins Gesicht, dass ich nichts mehr sehen konnte und auf den Windschatten verzichtete.

Ich begann meine Gegner von nun an genauer zu beobachten, wer litt unter diesem Wetter, bei wem waren trotz der Anstrengungen immer noch entspannte Gesichtszüge und Körperhaltung sowie ruhiges Atmen zu erkennen.

Ich selbst fühlte mich gut und glaubte bei lediglich vier weiteren Fahrern ähnlich gute Anzeichen zu erkennen. Es lief super, mit mir waren noch die Teamkollegen Max und Tobias ziemlich zuversichtlich, möglicherweise hatten wir es nur mit Edward Maalouf aus dem Libanon, der in Holland trainiert und dem frisch gebackene Zeitfahrweltmeister Marcel Pipek zu tun. Aus meiner Sicht lag zu Mitte des Rennens ein deutscher Dreifachsieg und damit eine echte Sensation in der Luft.

Kurz vor Ende der dritten Runde fuhr ich dann noch einmal einen Angriff. Mit Schwung in die steile Brücke, nur um zu testen ob sich die Teamkollegen mit mir absetzen können, aber die waren für einen Moment nicht pässlich, also nahm ich Tempo wieder heraus, alle schlossen wieder auf.

Irgendwie hatte ich aber ab diesem Zeitpunkt das Gefühl, nicht mehr als Gegner für den näherrückenden Zielsprint angesehen zu werden. Hatten alle meinen taktischen Ausreißversuch und die schnelle Aufgabe meines Vorhabens nachdem ich merkte, dass die Teamkollegen nicht nachsetzten, als Schwäche ausgelegt? Mir kam zumindest der Gedanke, die streichen mich von der Favoritenliste, das könnte mir sogar helfen.

Meine Taktik für die letzte Runde stand jetzt fest. Alle kraftaufwendigen Antritte vermeiden, Trittfrequenz erhöhen, um die Muskulatur zu lockern, noch ein kohlehydratreiches Gel nehmen und genügend trinken. Dann fuhr ich rechtzeitig an das Hinterrad von Marcel Pipek. Ihm als stärksten Zeitfahrer traute ich am ehesten noch einen Angriff zu. Um meine beiden Mannschaftskollegen machte ich mir keine Sorgen, sie zählen seit Jahren zu den stärksten und erfahrensten Sprintern der Welt. So kamen wir wieder zur Brücke, noch 1500 Meter zum Ziel und ich rechnete jeden Augenblick mit einem Antritt. Dann um die letzte Kurve noch 800 Meter, Pipek erhöhte das Tempo und wir waren bereits im vorderen Drittel des Feldes. Rechts von uns sah ich Max Weber. Ich fühlte mich in dem Augenblick noch völlig locker und bärenstark, konnte es kaum erwarten endlich zu explodieren und loszusprinten. Noch 300 Meter zum Ziel, Pipek fuhr in das Blickfeld von Max Weber, der fuhr dann heraus und eröffnete den Sprint. Jetzt würde es losgehen, dachte ich, doch Pipek zögerte noch einen Augenblick und dann zog er immens an und flog am Feld vorbei mit mir an seinem Hinterrad. Wir schlossen immer mehr auf Max auf. Ich durfte nicht zu früh Pipek angreifen, ihm vielleicht noch die Chance eröffnen, wieder an mein Hinterrad zu gelangen und damit Max zu gefährden, ich musste beobachten wie sich die Geschwindigkeiten der Vorraussprintenden zueinander entwickelten, musste das Heranfliegen der Ziellinie dazu einschätzen ...... und wollte dieses Rennen schließlich gewinnen. Tausend Gedanken in Sekundenbruchteilen und letzte Kräfte mobilisieren für den Antritt. Die Aufholjagd Pipek gegen Max verlor etwas an Dynamik, Max hatte noch zwei Längen Vorsprung, jetzt war der richtige Zeitpunkt zum Angriff, ich kam wunderbar zunächst an Pipek und dann an Max vorbei ... noch 30 Meter meine Kraft wich .....noch 20 Meter immer in der Angst, dass plötzlich ein Rad in meinem Augenwinkel auftauchen würde ......noch 10 Meter .......Ziel.

Ich glaube, ich habe es noch geschafft meine Arme hoch zu reißen und meine Emotionen herauszuschreien - ich konnte es kaum glauben, ich war am Ziel meiner Träume und langjährigen Anstrengungen. Die Disziplin und die vielen Hundert Trainingsstunden hatten sich ausgezahlt! Ich bin Weltmeister!!!!!!!!!!!!!!

Max schaffte es den zweiten Platz zu verteidigen und Tobias konnte zwar Pipek noch erreichen, nur leider fehlten ihm nach Auswertung der Zielfotos wenige Zentimeter, um den Mannschaftserfolg perfekt zu machen.

Stefan, Dein Erlebnisbericht ist immer noch sehr emotional und beeindruckend für den Zuhörer, wir alle kennen ja die Bilder bei Radrennen kurz vor dem Ziel, Dein Beispiel gibt uns Einblicke, wie Ihr Fahrer ein Rennen erlebt und wie die letzten Sekunden einer großen Anstrengung für einen Sieger ablaufen können.


Stefan, wir wollten die Person Stefan Bäumann nicht alleine von der Leistung her kennen lernen und haben uns erlaubt mit Wolfgang Petersen dem Vorstand des National Handbike Circuit und mehrfachen Leichtathletik-Parapympicsiegers der Jahre 1988 und 1996 über Sie zu sprechen.

Wolfgang, Sie kennen Stefan seit Anbeginn seiner Karriere, wer steckt aus Ihrer Sicht hinter der Person Stefan Bäumann?


Stefan ist 1996 zu uns gestoßen. Damals entwickelten wir die ersten Rennbikes für Rollstuhlfahrer. Stefan zeigte großes Interesse für diese neue Sportart und unterstützte uns in der Folgezeit durch Testen der ersten Prototypen und im Aufbau erster Verbandsstrukturen. Als wir das erste deutsche Rennteam gründeten war Stefan dabei. In den letzten Jahren ist Stefan zu einem kompletten Athleten gereift, ohne abzuheben. Seine bisherigen Erfolge sind schon beeindruckend. Stefan ist mit seinem aktuellen Sieg nun amtierender Weltmeister gleich zwei großer Verbände. Vor zwei Jahren wurde er Mannschaftsweltmeister im Verband der World Handcycling Federation auf der Strecke von 180 km rund um den Genfer See/Lac Leman in einer Zeit unter 5 1/2 Stunden und gewann Bronze in der Einzelwertung und nun ist er noch Weltmeister des Internationalen Paralympischen Straßenrennens geworden, damit ist er einer der erfolgreichsten Fahrer weltweit.

Wenn ich versuche Parallelen seiner zu meiner Karriere zu finden, dann fällt mir die Gemeinsamkeit auf, auch Stefan ist in der Lage seine Trainingsgestaltung weitgehend eigenständig zu gestalten. Ich glaube, das ist eine Voraussetzung aller großen Athleten, schließlich muss man um sich nach oben abzusetzen auch experimentieren und Neuland betreten.

Aus meiner Sicht und in der Beobachtung von Stefans Karriere registriere ich, dass Stefan in seinem Kollegenkreis und bei seinen Gegnern Achtung erfährt. Das liegt neben den sportlichen Aspekten auch daran, dass sich Stefan stets fair und korrekt verhält und zudem im kommunikativen Bereich immer freundlich offen und authentisch wirkt.

Stefans Karriere war bisher auch keine Einbahnstrasse des Erfolges, wir und er konnten zwischenzeitlich für eine längere Zeit nicht erkennen, dass er einen entzündlichen Prozess in seinem Körper mitschleppte, der seine Leistungsfähigkeit immer wieder beeinträchtigte. Nach dem dies erkannt war und behoben werden konnte, geht seine Entwicklungskurve stetig aufwärts. Zudem: ein Athlet ist immer nur so gut wie sein Umfeld dies zulässt. In uns, den ehemaligen sportlichen Leistungsträgern, findet er immer Rat und in seiner Familie und seinem Freundeskreis rund um Gifhorn die notwendige Unterstützung und Ablenkung, das stärkt zusätzlich seine Psyche.

Wie Stefan das richtig erkannt hat, liegen jetzt noch viele harte Trainingsmonate für die Vorbereitung auf die Paralympics vor ihm, wir wünschen ihm weiterhin alles Gute auf seinem Weg, aber jetzt zunächst einmal hoffen wir, dass er einige Tage Zeit findet den Erfolg im Kreise seiner Familie und mit seiner Freundin Klaudia genießen zu können.

Wir bedanken uns für das Interview

und wünschen weiterhin viel Erfolg

Pressestelle NHC Deutschland


Bilder von Stefan Bäumann