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Mit dem Handbike durchs Brandenburger Tor

von Hans-Joachim Illiger


Das lang ersehnte Wochenende, für das ich mich mehr als ein halbes Jahr lang gequält habe, ist angebrochen und die bohrende Frage: Wird alles gut gehen? Es ist Samstag der 27. September 2008. In der Hauptstadt findet morgen der 35. Berlin-Marathon statt, an dem ich mich schon vor mehreren Monaten als Rollstuhlfahrer in der Kategorie "Handbike" angemeldet, und die Startnummer 309 erhalten habe. Auf der Fahrt nach Berlin stellen sich gemischte Gefühle und wieder Zweifel: Hast du wirklich alles getan, um optimal vorbereitet zu sein?
Die Startnummernausgabe am Samstag, die als eine Art Freizeitmesse stattfindet, lässt eine Vorahnung auf das Gewusel aufkommen, was am nächsten Morgen vieltausendfach ablaufen wird. Die Menschen, die mir begegnen, strahlen unübertroffenen Optimismus aus. Ihre ganze Körpersprache deutet darauf hin, dass sie stolz sind, an diesem Event teilzunehmen und es kaum erwarten können, dass der Startschuss fällt. Es sind nicht nur die kleinen, drahtigen Typen, von denen man annimmt, dass nur sie diese zermürbende Distanz zurücklegen können - nein, es sind auch beleibtere, kleine und große, leichte und schwere Menschen, die Freude an der Bewegung haben und sich auf die Quälerei am nächsten Tag freuen.
Die Nacht zum Sonntag ließ natürlich kaum Schlaf zu. Innerlich viel zu tief aufgewühlt und von den ungewohnten Geräuschen der Stadt umgeben, guckst du jede zweite Stunde auf die Uhr. Die Zeit will einfach nicht vergehen. Und dann, circa nach 5:00 Uhr am Morgen schläfst du nochmal ein, um dann 5:30 Uhr aufstehen zu müssen. Kein Wunder, dass du dich völlig zerschlagen fühlst. Doch noch voller Optimismus führe ich mit meiner Frau die Morgentoilette durch und überlege noch einmal, was ich esse, damit das Frühstück ausreichend aber doch nicht zu schwer ist um den Wettkampf optimal ablaufen zu lassen. Vielleicht ist es die Nervosität oder die verkorkste Nacht. Jedenfalls geht nicht mehr als ein Schälchen Müsli mit Milch herunter. Der Magen meldet sich mit lautem Gemurkse. Wenn das mal nicht gleich in die Hose geht?
Der Sonntag scheint perfekt zu werden. Die Sonne leckt die letzten Nebelfelder der Nacht auf. Die hundert Farben des Herbstes und die aromatischen, vollen Düfte hüllen die Straßen der Hauptstadt an diesem frühen Sonntagmorgen in ein erwartungsfrohes, festliches Gewand. Die Kälte des Morgens macht die Atemwege frei, lässt aber die Finger erröten. Doch aufgrund des erhöhten Adrenalinspiegels fühlst du die 5°C um 7.30 Uhr in Berlin-City nicht. Die verkehrsfreien Zonen weisen nun eindringlich darauf hin, dass etwas Besonderes bevorsteht. Es ist höchste Zeit, das Startfeld aufzusuchen. Nachdem wir die Ausrüstung gecheckt haben, brechen wir zu Berlins "Goldelse" auf. Wir müssen uns den Weg durch 40.000 Teilnehmer frei schreien, weil jeder mit sich selbst beschäftigt ist, und man neben den vieltausend Stimmen und der lauten Musik kaum etwas hört. Nur noch 15 min bis zum Start und vor lauter Bäuchen, Beinen und Hintern ist der Startstrich noch nicht zu sehen. Doch da reißt auf einmal die letzte Menschenkette auf, die Sonne strahlt, und ich tu´s auch, weil es nun gleich losgehen kann. Alle Rollstuhlfahrer ruckeln hin und her. Die Handbiker kurbeln nochmal im Freilauf oder halten sich auf andere Art und Weise warm. Joachim Löw als Gast gibt noch ein kleines Interview über die Lautsprecher ab und wünscht uns alles Gute. Er spricht von Sponsoren, Helfern, Aktiven und Passiven und auf einmal zählt die Uhr runter.
Ohrenbetäubende Hintergrundmusik - die tiefen Bässe lassen das Herz mitschwingen und der Puls ist auf 120 bpm. Drei-zwei-eins. Los geht´s! Es wird Zeit für mich die Pedale zu finden und kräftig zu kurbeln, denn die nächsten 3 - 4 Stunden werde ich nichts anderes tun, um mein gestecktes Ziel zu erreichen. Ich denke nochmal voller Dankbarkeit an die vielen Sponsoren, Helfer, Pfleger und Ärzte, die mir die Teilnahme an diesem Lauf erst ermöglicht haben.
Was sich jetzt dar bietet, entschädigt für alles. Tausende Zuschauer am Straßenrand feuern mich an. Sie klatschen, rufen die Namen verschiedener Teilnehmer, singen und tanzen zu den Rhythmen, die die Bands und Musikgruppen an jeder zweiten Ecke spielen. Du kannst gar nicht anders, als kräftig zu kurbeln. Irgendwie möchte ich die Leute, die mich anfeuern und natürlich auch mich selbst nicht enttäuschen. Die tausendfachen Eindrücke, die auf mich einstürmen, lassen mich alle Anstrengung vergessen. Man möchte meinen alle Berliner stehen an der Straße, um mich anzufeuern. Und schon taucht der erste Zeit-Messpunkt bei Kilometer 10 auf. Es sind gerade mal 45 min vergangen. Eine fantastische Zeit, denke ich so bei mir und wenn es weiter so läuft, bin ich in nicht einmal 4 h am Ziel. Wenn da mal nicht etwas dazwischenkommt, melden sich meine letzten Zweifel. Doch die Bedenken bauen sich mit jedem Kilometer ab. Schon jetzt holt mich der spätere Gewinner, Haile Gebrselassie, ein, vor dem ich mit 15 min Vorsprung gestartet war. Er zieht mit seinen Pacemakern vorbei, als würde ich stehen. Wo nehmen diese Menschen nur die Kraft her, so schnell und so langandauernd zu laufen. Ich bin begeistert und wünsche ihm alles Gute auf seinem Weg. Schon bin ich bei Kilometer 15 und fühle mich wohl. Die Kraft ist da, die Ausdauer stimmt - es kann weiter so laufen.
Wir drehen eine große Runde um Berlin, passieren die ehemaligen Grenzübergänge und gehen die zweite Hälfte des Rennens an. Doch jetzt kommt der Wind von vorn und es geht sanft bergauf. Die Läufer merken das kaum, aber die Handbiker und besonders ich als Tetraplegiker merke jede noch so leichte Steigung. Das kostet doppelte Kraft und die zweite Hälfte geht an die Reserven. Gerade noch rechtzeitig erinnere ich mich, dass ich etwas zu mir nehmen muss, um keinen Hungerast zu bekommen. Denn wenn sich der erst mal andeutet, ist es schon zu spät. Doch offensichtlich habe ich gerade noch rechtzeitig daran gedacht, und ergattere mir ein Stück Banane und ein Stück Apfel an der Verpflegungsstelle bei km 25. Es ist ein heikles Manöver, weil alle zu den Tischen drängen und es schon mal vorkommt, dass ich mit meinem Vorderrad jemanden in die Hacken fahre. Doch ich bin vorsichtig und kann wieder Geschwindigkeit aufnehmen. Kilometer 30 - die Gelenke melden sich. Aber es sieht weiterhin gut aus und ich glaube, die restliche Stunde werde ich gut über die Bühne, oder besser gesagt, durch das Brandenburger Tor bringen. Denn gleich hinter diesem Wahrzeichen Berlins, ist der Zieleinlauf. Es ist ein erhebendes Gefühl, dieses geschichtsträchtige Bauwerk nach einer anstrengenden Fahrt von nunmehr mehr als 41km zu durhfahren. Noch knapp 300 Meter und nach unerwartet schnellen 3 h 30 min und 26 s bin ich erschöpft, doch glücklich am Ziel.
Alle um mich herum sind von den Strapazen dieses Wettkampfes gezeichnet. Sie sind glücklich und tauschen sich ihre Erlebnisse aus. Sie haben etwas erreicht und am Ende noch Freude an dieser Quälerei gehabt. Und so ist es in der Tat. Nichts setzt mehr Glückshormone frei, als der Empfang der Medaille und der obligatorischen Banane sowie einem Schluck Tee am Ziel, mit der Gewissheit, etwas Außergewöhnliches geleistet zu haben.
Ob ich beim nächsten Mal wieder dabei bin? Keine Frage: kein Hindernis kann dich aufhalten, wenn du es nur wirklich willst.