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Der Sella Ronda Bike Day 2009 oder: Quartett einmal anders

Von Veit Riffer

Datum: 12.07.2009
Ort der Handlung: Alpen - Dolomiten, Gebirgsmassiv der Sellagruppe

Denkt der geographisch bewanderte Tourist an die Dolomiten, so stellt er sich wuchtige überdimensionale Felsklötze aus weissem Gestein vor, die unmittelbar über dem saftigen Grün der Matten himmelwärts ragen. Um von einem Tal in das nächste zu gelangen, müssen hohe Pässe überquert werden. Heutzutage sind es meist schwindelerregend angelegte Strassen, welche die verschiedenen Talschaften miteinander verbinden.
Diese Verkehrsverbindungen sind nicht nur beliebte Spielwiese für Motorradtouristen und Ausflugsziel der Autofahrer, sondern auch wie geschaffen für Radfahrer der Quäldich- Fraktion. Hohe Pässe, tiefe Täler - ganz klar, dass hier Höhenmeter en masse zu bewältigen sind, um eine schöne Rundtour zu absolvieren.
Bereits in der 4. Auflage gibt es nun den "Sella Ronda Bike Day" (www.sellarondabikeday.com). Er verbindet das Schöne mit dem Einmaligen. Für 6 1/2 Stunden werden die vier Alpenpässe rund um die Sellagruppe für den gesamten Kraftverkehr gesperrt, um den Radfahrern ein ungestörtes Fahrerlebnis zu ermöglichen. Dieser für den Alpenraum wohl einzigartige Volksradltag hat sich unter den Radsportlern inzwischen herumgesprochen. So nahmen im Jahr 2009 ca. 15.000 Zweiradenthusiasten an der Veranstaltung teil.
Der offizielle Start befindet sich in St. Christina, doch kann auch an jedem anderen Punkt auf der Strecke angefangen werden. Empfohlen wird, die Tour im Uhrzeigersinn zu befahren. Von St. Christina aus wird zunächst das Grödner Joch (2121m) bezwungen. Nach dem "kleinen" Passo di Campolongo (1875m) folgt der lange Anstieg zum Passo Pordoi (2239m), bevor zum Schluss der höchste Pass, das Sellajoch (2244m), überwunden werden muss. Mehr als 2000Hm auf ca. 70km - eine durchaus bergige Strecke.
Genau die richtige Herausforderung für mich. Grob geschätzt 32km bergauf, den Rest bergab, ergaben eine kalkulierte Netto-Fahrtzeit von 6 Stunden. Um also die kraftverkehrsfreie Zeit bestmöglichst auszunutzen, musste ich zeitiger als die auf 9.00 Uhr angesetzte offizielle Startzeit mit der Fahrt beginnen. Ich befand mich in guter Gesellschaft. Denn als ich mich gegen 7.00 Uhr auf meinen Weg machte, fuhr ich nicht als einzigster den langen Anstieg zum Grödner Joch. Wolkenstein verschwand allmählich immer mehr in der Tiefe, denn Serpentine um Serpentine schraubte ich mich der atemberaubenden Geschwindigkeit von 5-8km/h nach oben. Mein Trost: sehr viele der "normalen" Radfahrer waren auch nicht wesentlich schneller.
Oben gönnte ich mir eine kurze Rast für das obligatorische "Pass"bild, und ab ging es wie der Sausewind gen Corvara. Mittlerweile war auch der offizielle Startschuss gefallen. Die Radfahrerdichte stieg nun merklich an. Bei der Abfahrt jedoch war davon noch nichts zu spüren. Jeden Meter gerade Strecke ausnutzend, konnte ich trotz der vielen Kurven einiges gutmachen und manchen Radler hinter mir lassen. Wer bremst, hat Angst.
Zum Passo di Campolongo geht es von Corvara zwar nur 300Hm bergauf, aber die wollen auch erst mal bewältigt sein. Windungsreich schlängelt sich die Strasse aus dem Ort und bietet immer eindrucksvollere Aussichten auf das Tal und den gegenüberliegenden Gipfel des Sassongher. Mittlerweile nahm die Anzahl der mich überholenden Radler stetig zu, doch war das für mich kein Problem. Es fehlte ja inzwischen der komplette Kraftverkehr. Viele von ihnen grüssten mich, spendeten Beifall oder feuerten mich an. Jeder Sportler, der so etwas schon erlebt hat, weiss, wie sehr das motiviert. Schneller als bei meinen Solofahrten hatte ich die erforderliche Höhe erreicht und konnte mich auf der Abfahrt nach Arabba wieder etwas erholen. Noch lagen zwei Pässe vor mir.
Ohne grossen Aufenthalt im Ort arbeitete ich mich nun in Richtung Passo Pordoi vor. Zunächst führte der Weg noch durch den Wald, doch sehr bald wurde die Landschaft baumlos und karg. Endlos wand sich die Strasse an den Berghängen entlang nach oben. Bei jeder Kehre stand ein Strassenstein mit der fortlaufenden Nummer und der Höhenangabe. In dem Wissen, dass der Pass selbst auf 2239m ü. NN lag, konnte sich also jeder Fahrer auch ohne Höhenmesser selbst ausrechnen, wieviel Höhenmeter noch bis zum Ende der Quälerei zu überwinden waren. Glücklicherweise legte die Sonne gerade eine Pause ein, sonst wäre der Anstieg durch das baumlose Hochtal wohl eine noch grössere Schinderei gewesen. Obwohl eigentlich gar nicht so steil, habe ich diesen Berg mit seinen 33 Kehren als eine ziemliche Saftpresse empfunden.
Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich nun selbst etwas zum Beissen benötigte. Immerhin war es bereits 12.30 Uhr. Auf der Passhöhe bog ich also rechts zum deutschen Soldatenfriedhof ab. Den konnte ich zwar nicht besuchen, weil die letzten Meter nur auf einer steilen Schotterpiste zu befahren waren. Aber knapp unterhalb fand ich einen stillen Platz, wo ich beim Essen mit Muse auf der gegenüberliegenden Hangseite das ameisenhafte Treiben der Radsportler in den Serpentinen des Anstiegs beobachten konnte.
Pass Nr. 3 war also geschafft, doch noch lauerte die Kletterei zum Sellajoch. Auf längeren Abschnitten sind hier wieder Steigungen bis 11% zu überwinden. Allerdings fährt man während der Sellarunde nicht bis ins Tal nach Canazei, sondern biegt in etwa halber Höhe unterhalb der gigantischen Steilwände des Sass Pordoi und der Sellatürme rechts auf die Passtrasse ab. So spart man sich ca. 400Hm des Anstiegs. Dennoch wurde es streckenweise eine ziemliche Hitzeschlacht. Die vielen vorhandenen Bäume spendeten aufgrund des Sonnenstandes nur spärlich Schatten. Immer mehr Frauen und Männer stellten oder legten die Räder am Strassenrand ab und nahmen sich eine Auszeit. Jeder wusste: es war der letzte Pass auf der Rundtour. - Und ich? Da gab es dort etwas zu fotografieren, dann war ein Taschentuch hervorzukramen, um den Schweiss abzuwischen, und schliesslich gab es Bergsteiger in den Riesenwänden zu beobachten. Immer fand sich ein Grund, wieder mal anzuhalten.
Eine halbe Stunde später als geplant, erreichte ich endlich die Passhöhe. Dort wartete bereits mein Radfreund Andreas auf mich. Er hatte wegen gesundheitlicher Probleme die Tour abbrechen müssen, war mir aber - nachdem es ihm wieder besser ging - entgegengekommen. Auch ein paar Bekannte aus der Heimat trafen wir, die Welt ist eben ein Dorf. Ein kurzes Schwätzchen mit ihnen, noch das "Pass"bild aufgenommen, dann ging es zum letzten Mal an diesem Tag wieder talwärts.
Als ich den steilen Anstieg zum Hotel hinauffuhr, wusste ich, was ich den Tag über gemacht hatte. Dieses unvergessliche Erlebnis war es jedoch allemal wert. Konditionsstarke Handbiker, welche die besondere Herausforderung suchen, sollten sich unbedingt an dieser wunderschönen Tour mit dem Flair einer grossen Gemeinschaft der Radler versuchen. Wer Berge mag, wird den "Sella Ronda Bike Day" lieben.

Veit Riffer
Montag, 13. Juli 2009