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Quo vehis? – Über den Sinn und Nutzen von Fahrradnavigationsgeräten

Für Racebiker ist die Sache klar: Beim Wettkampf wird die Strecke ausgeschildert bzw. durch Streckenposten abgesichert, und zum Training bietet sich eine überschaubare Anzahl fest definierter Routen an, um die Vergleichbarkeit der erbrachten Leistungen zu ermöglichen. – Was aber ist mit den Tourenhandbikern, die ständig auf der Suche nach neuen Strecken sind?

Lange Zeit war ich ganz klassisch auf Achse. Sobald es in ein unbekanntes Gebiet ging, gehörte mindestens eine Karte zur Standardausrüstung im Gepäck. Zwar hatte ich mir die Tour vorher bereits zu Hause grob zurechtgelegt, doch die tatsächliche Routenplanung erfolgte dann nicht selten spontan vor Ort. Das ist leider ziemlich zeitintensiv, weil man an Abzweigen sehr häufig anhalten muß, um die Karte zu studieren und verschiedene Varianten zu prüfen. Bei langen Touren abseits der oft befahrenen Straßen in der Heimat kommt dabei im Laufe des Tages für solche Aktionen gern schon mal mehr als eine Stunde zusammen. Daß es auch ziemlich nerven kann, wenn man in kurzen Abständen bei jeder neuen Kreuzung nach dem richtigen Weg sucht, dürfte ebenfalls nachvollziehbar sein. Von einem gleichmäßigen und flüssigen Vorwärtskommen ist dann jedenfalls nicht mehr die Rede.

Unterwegs mit einem Fahrradnavi

Die Alternative dazu kann durchaus ein Fahrradnavi sein. Im Gegensatz zur entsprechenden Werbung jedoch mit einem klar abgegrenzten Aufgabengebiet. So bleibt man weitestgehend von falschen Erwartungen und damit einhergehenden Frustrationen verschont, die zwangsläufig entstehen, falls man den Marketingstrategen der Hersteller blind vertraut. Dabei ist es meiner Erfahrung nach völlig unerheblich, welchem Gerät bzw. welchem Hersteller man sich anvertraut. Jedes Navi hat Stärken und Schwächen, doch die grundlegende Funktion – wie sie wohl jeder von der Autonavigation kennt – beherrschen alle Geräte (bis heute) nicht zufriedenstellend. Allerdings liegt das hauptsächlich daran, daß die bereitgestellten Karten gar nicht die dafür erforderliche Detailtiefe besitzen und ein entsprechender Routingalgorithmus unglaublich komplex sein müßte, um diese Informationsflut sinnvoll zu verarbeiten. Dies aber sprengt jede Rechenkapazität der für die Routenberechnung verwendeten Computerchips und treibt den Stromverbrauch in die Höhe.

Im vergangenen Jahr habe ich mir selbst ein Fahrradnavi zugelegt, genauer: ein Teasi Pro von a⌈rival. Seit dieser Zeit leistet es mir meist gute Dienste, die sich mit dem letzten Software- und Kartenupdate noch einmal spürbar verbessert haben. Natürlich mußte auch ich meine Erwartungen an solch ein Gerät korrigieren, doch vielleicht sind nach mehrmonatigem Einsatz meine Tips dennoch für andere (potentielle) Nutzer hilfreich.

Was kann ein Fahrradnavi bzw. wofür sollte es eingesetzt werden?

+ Finden von bestimmten Orten, Adressen, POIs (Points of Interest) und Anzeige auf der Karte im Display (Qualität abhängig von der verwendeten Karte und der „Adress“-Datenbank)
+ Ermitteln einer möglichen Route zu einem gewählten Ziel inkl. Entfernungs- und Höhenmeterangabe. Je kürzer die Entfernung zum Endpunkt, desto höher die Qualität des Vorschlags. Dabei gibt es manchmal völlig abstruse Streckenempfehlungen aufgrund der begrenzten Möglichkeiten des Geräts (Begründung s. weiter oben).
+ Nachfahren einer zuvor auf das Gerät hochgeladenen selbst mittels Tourenplanungssoftware erstellten Tour. Einige Hersteller (z.B. Garmin) bieten dafür proprietäre Programme an, bei anderen mit entsprechend rudimentären Planungstools (z.B. Teasi) kann dafür aber auch ein Internetportal (z.B. GPSies.com oder Bikemap.net) verwendet werden.
+ Bei (evtl. unbeabsichtigtem) Verlassen der geplanten Tour Neuberechnung der Fahrtroute zum alten Tourenverlauf.

Was kann ein Fahrradnavi aber NICHT bzw. wofür ist es NICHT sinnvoll? (Basierend auf persönlichen Nutzungserfahrungen)

– Die komplette Planung einer Route ist mit dem Gerät nicht sinnvoll, denn wegen der manchmal merkwürdigen Routenführung entstehen teils nicht befahrbare Strecken. Das kleine Display schränkt zudem die genaue Modellierung der Tour stark ein, das dafür notwendige permante Verändern des Kartenausschnittes ist extrem zeitaufwendig und in der Praxis nicht effizient handhabbar.
– Kein vollwertiger Ersatz für analoges Kartenmaterial. Dafür ist einfach das Display viel zu klein, da beim Herauszoomen auf der Karte viele wichtige Details verlorengehen.
– Keine hundertprozentige Garantie dafür, daß die durch das Navigationsgerät berechnete Strecke (s. 2. Anstrich im vorherigen Absatz) auch wirklich beFAHRbar ist. Ebenso kommt es sehr häufig vor, daß trotz anderslautender Info des Navigationsgerätes der Routenvorschlag eben nicht als die „leichteste“ (entsprechend des Streckenprofils / der Höhenmeter) oder „kürzeste“ (Weglänge) Verbindung errechnet wird.  Da ich in meiner Region nahezu jede Straße kenne, konnte ich vor allem diese Mängel ganz genau und reproduzierbar feststellen.

Ich setze mein Fahrradnavi inzwischen hauptsächlich zum Nachfahren einer festgelegten Strecke ein, die ich meist auf Bikemap.net oder auch GPSies.com plane. Das erstgenannte Internetportal bietet dabei den Vorteil, Abschnitte der modellierten Tour auch noch nachträglich ändern zu können. Dies setzt zwar etwas Geduld voraus, ist jedoch in der Regel besser, als jedesmal von vorn mit der Streckenplanung zu beginnen. Die Registrierung und Nutzung beider Internetportale ist (in der Grundversion) zudem absolut kostenlos.

Ein großer Vorteil der Fahrradnavgation besteht für mich darin, daß ich mir die Zeit für die aufwendige Orientierung im (noch) unbekannten Gelände erspare. Außerdem zeichne ich üblicherweise meine gefahrene Tour auch mit dem Navi auf und kann mir damit das Höhenprofil und die gefahrene Strecke bereits während der Fahrt anschauen. Als Nebeneffekt gibt es in jedem Gerät selbstverständlich auch einen Fahrradcomputer. Da er auf Basis der GPS-Daten funktioniert und damit die Qualität abhängig von der Topologie ist, liefert er aber nicht immer ganz genaue Werte. Vor allem bei den Höhenmetern (insbesondere, falls er nicht zusätzlich über eine barometrische Höhenmessung verfügt) summieren sich im bergigen Gelände mit engen Schluchten erhebliche Abweichungen. Inzwischen können aber bei vielen Fahrradnavis wahlweise verschiedene Sensoren – z.B. für Geschwindigkeit, Herz- und Trittfrequenz – drahtlos angeschlossen werden. Diese Geräte sind dann als Fahrradcomputer absolut vollwertig  – nur eben mit dem Nachteil der begrenzten Akkulaufzeit.

Einen letzten positiven Nebeneffekt will ich hier erwähnen. Für mich ist das Fahrradnavigationsgerät mittlerweile eine wunderbare Möglichkeit, „gegen die Uhr“ zu fahren. Als Zielvorgabe dienen mir dabei für den Countdown beispielsweise die ständig wechselnden Entfernungsangaben zum nächsten ermittelten Abzweig. So etwas kann selbst langweilige Streckenabschnitte interessanter machen.

Viel gäbe es noch zu sagen. Z.B., daß man bei längeren Ausflügen eine Powerbank mitnehmen sollte, weil der eingebaute Akku des Navigationsgerätes bei Verwendung aller Funktionen – abhängig vom Modell – nur zwischen 5 und 10 Stunden durchhält. Da das Nachladen bei vielen Geräten aber während des Betriebs (inkl. Navigation / Aufzeichnung) möglich ist, kann eine Bauchtasche mit den entsprechenden Utensilien Abhilfe schaffen.

Mein Fazit:

Ein Fahrradnavigationsgerät ist bei richtigem Einsatz eine wirkungsvolle Ergänzung der Ausrüstung eines Tourenfahrers.


2 Kommentare

  • Stefan kommentierte am 9. Februar 2017

    Hallo Veit,
    kleine Ergänzung..

    Einige GARMIN Geräte bieten noch viel mehr nützliche Funktionen!
    – Notsignal absenden im Unglücksfall
    – Anzeigen von Schaltungsinformationen Shimano Di2 (elektr. Schaltung)
    – Geschwindigkeitsabhängige Steuerung des Lichtkegels
    – Abstands-Radar (nach hinten) mit Anzeige auf Display und nach Abstand gesteuertes Flackern des Rücklichtes (je näher, desto intensiver das Warnblinken)

    Ich kenne mich aber nur bei GARMIN aus. Möglicherweise haben andere Hersteller ähnliche Funktionen parat…

  • Veit
    Veit kommentierte am 9. Februar 2017

    Danke Dir für die Ergänzungen!

    Gern sind weitere Hinweise zu besonderen Ausstattungen bestimmter Geräte oder zusätzliche Tips gesehen …

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